Universität Karlsruhe Modellredaktion Elektronische Medien WS 2001/2002
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Nanotechnologie - die fünfte industrielle Revolution?


Prof. Dr. Rolf-Jürgen Gleitsmann

Interview mit Prof. Dr. Rolf-Jürgen Gleitsmann, Professor für Technikgeschichte an der Universität Karlsruhe über den Begriff der technisch-industriellen Revolution in der Geschichte und die gesellschaftliche Akzeptanz neuer Technologien.
 
von Tobias Birzer und Björn Stratmann

Redaktion: Stehen wir mit der Nanotechnologie an der Schwelle zu einer neuen technologischen Revolution, oder können sie Parallelen zu vorangegangenen technologischen Revolutionen erkennen?

Gleitsmann: Mich stört eigentlich an der Fragestellung der Revolutionsbegriff, weil die Nanotechnologie wäre, wenn wir das mal rückverfolgen, dann wohl schon die fünfte technisch-industrielle Revolution. Wenn wir anfangen bei der großen englischen industriellen Revolution von 1750 folgende, die ja den ganzen Begriff geprägt hat, den technischen Wandel mit gesellschaftlichem Wandel verbinden und das dann im Wandlungsprozess als Revolution bezeichnen, hätten wir die erste Revolutionsbegriffsverwendung kenntlich gemacht. Die Zweite, die auch mit dem Begriff der Revolution verknüpft ist, ist diese große Umbruchphase in den 1950er Jahren, als hier die Kernenergie, die Kerntechnologie in Zusammenarbeit mit der Mechanisierung, Automatisierung als zweite industrielle Revolution ausgerufen worden ist. Die Dritte betrifft die Mikroelektronik, die dann in den 60er Jahren als Technologie gepriesen worden ist, die wiederum Konsequenzen haben sollte für die Gesellschaft, die im Sinne dieser industriellen Revolution wie sie in England 1750 angelaufen ist, dargestellt worden ist. Die vierte ist, soweit ich das von der Begriffsverwendung her rückverfolgen kann, die Gentechnologie, die genauso wieder unter dem Begriff der industriellen Revolution verkauft worden ist, und die fünfte wäre jetzt die Nanotechnologie, die wiederum die Verbindung postuliert zwischen technischem Wandel und gravierenden kurzfristigen gesellschaftlichen Umbruchsituationen. Ob hier wirklich so gravierende Konsequenzen für unser aller Leben durch die Nanotechnologie hervorgerufen werden, muss man wohl noch abwarten. Einige Perspektiven zeigen sich auf, aber die Frage, die ich dann an solche Technologien stelle, wie weit ist die Anwendungsreife etwa bereits gediehen.

Redaktion: Wie ist der Mensch in der Geschichte mit derartigen Neuerungen umgegangen?

Gleitsmann: Als rote Linie darf man wohl folgendes feststellen: Zunächst ist von denjenigen, die solche technischen Wandlungsprozesse, solche technischen
Frühe Eisenbahn - Schrecken der Bevölkerung?
Innovationen ausgelöst haben, diese Technologie in hohem Maße propagiert worden. Immer auch in Hinblick auf die unübersehbaren positiven Effekte, die mit solcher Technologie verbunden sind. Nachverfolgen können wir das vielleicht weniger an der großen englischen industriellen Revolution, die noch , ohne diese sagen wir mal Propagandastrategie der Innovatoren abgelaufen ist, aber wir können es bereits bei der Kernenergie und der Propagierung dieser Technologie in den 50er Jahren zurückverfolgen. Dort ist von den Physikern, aber auch von den Technikern, immer der Anspruch erhoben worden, dass hier auf eine Technologie zurück greifbar sein wird, die unverzichtbar ist, die der Menschheit ungeheuren Segen bringt und die nicht mit Risiko behaftet sei. Das ist für diese Periode eindeutig feststellbar. Bei der Mikroelektronik haben wir das selbe. Wieder wird eine Technologie von bestimmten Innovatoren publik gemacht, wird sehr stark in den Mittelpunkt gestellt, wird als positiv dargestellt, und auch hier werden zunächst Risiken gar nicht betrachtet. Als viertes waren wir bei der Gentechnologie, die steht schon in einem anderen Kontext.
Protest gegen Gentechnik
Die Innovatoren selbst betrachten sie ja auch wiederum in äußerst positiven Sinne als Segen für die Menschheit und reflektieren die Hintergründe weniger tiefgreifend, wobei hier dann bereits in der Bevölkerung und auch in manchen Teilen der Wissenschaft gewisse Vorbehalte formuliert sind, oder Fragen gestellt werden. das selbe ist bei der Nanotechnologie, wo wir teilweise dann schon in der frühen Phase der Euphorie der Innovatoren sozusagen gesellschaftliche Bedenken gegenüberstellen, wobei hier schon solche Konzepte wie die Technikfolgenabschätzung wohl eine Rolle gespielt haben dürften. Die Resonanz der vorgeschlagenen technischen Neuerungen, ob sie bei der Kernkraft anfangen, oder über Resonanzen neuer Innovationen gehen, die diese Thesen bei der Bevölkerung gehabt haben, und das lässt sich historisch sehr gut aufzeigen, war immer Skepsis. Die Bevölkerung musste in der Regel von dem positiven und wesentlichen Effekt einer neuen Innovation erst überzeugt werden. Ganz deutlich kann man das zeigen am Beispiel der zweiten industriellen Revolution Kernenergie oder Automatisierung. Auch hier haben die politischen Akteure, die Wissenschaft, die Wirtschaft, die Gruppe der Innovatoren, ihr Konzept in der Bevölkerung erst einmal durchdrücken müssen. Ein gewissen Beharrungsvermögen, gewisse Skepsis ist dort gegeben, die nicht immer ad hoc so klar artikuliert werden kann. Bei der Mikroelektronik ist die abwehrende Haltung der Bevölkerung nicht mehr ganz so deutlich zu beobachten, im Unterschied zur Gentechnologie, die ja auch bei der Bevölkerung zu skeptischen Äußerungen Veranlassung gegeben hat. Bei der Nanotechnik vermochte ich das noch nicht zu verfolgen, aber ich denke wenn wir das Thema tatsächlich als große Ankündigung, als große neue industrielle Revolution auf der Tagesordnung haben werden, dann wird erfahrungsgemäß auch einiger Widerstand von der Bevölkerung, wenn wir aus der Geschichte nun Erkenntnisse ziehen wollen, formuliert werden. Die Nanotechnologie bezieht sich ja in vielen Beispielen auf Medizintechnik. Auch hier werden Verheißungen gemacht, dass man mit neuen Nanotechnologien im Körper der Menschen positive Effekte erzielen kann. Wir werden sehen müssen, ob das als sozusagen akzeptable Innovation tragfähig ist.

Redaktion: Können sie jetzt schon irgendwelche Möglichkeiten zum Mißbrauch erkennen, und wie konnten die aussehen? Vielleicht auch besonders im medizinischen Bereich. Wäre es nicht möglich, Supersoldaten zu züchten, um es mal ganz banal auszudrücken?

Gentechnik - Segen für die Menschheit?

Gleitsmann: Das ist Science Fiction. Die Gefährdungen lassen sich meiner Meinung nach noch relativ wenig konkret machen, weil diese Technologien sozusagen noch nicht anwendungsreif sind, zumindest soweit ich das überblicken kann in der Medizintechnik. Man könnte wirklich dazu neigen, eher die positiven Aspekte tatsächlich hervorzuheben, aber, wie gesagt, wo etwas positives ist wird sich auch die entsprechende Kritik formulieren lassen.

Redaktion: Sie haben angesprochen, dass neue Technologien in der Gesellschaft auf starke Widerstände gestoßen sind. Wie lange hat es erfahrungsgemäß gedauert, bis neue Erfindungen sich in der Gesellschaft etabliert haben, bis sie akzeptiert wurden?

Gleitsmann: Das ist in der Tat sehr unterschiedlich. In der großen englischen Revolution, denken sie nur an die Eisenbahn, mussten Parlamentsentscheide getroffen werden, um überhaupt Streckenführungen bauen zu dürfen, da hat sich der Widerstand schon über Jahre, Jahrzehnte fast, erstreckt, bevor die Technologie akzeptiert war. Gegner haben teilweise Felder angezündet, um zu belegen, dass der Ruß und die Funken, die aus den Schornsteinen fliegen, absolut unerträglich und gefährlich seien. Bei der Dampfmaschine und der Mechanisierung der Produktion, denken sie an die Webereien, hat sich der Widerstand doch auch über zehn, zwölf, fünfzehn, teilweise zwanzig Jahre hingezogen. Bei der Kernenergie hat sich der frühe Widerstand eigentlich auf wenige Jahre beschränkt,
Atomkraftgegner
so etwa von 1956 bis 1958/1959, dann war das Thema, diese Technologie öffentlich abzulehnen vom Tisch Es war aber auch eine ganz andere Situation, weil es im Prinzip nicht bestritten war, dass man es da mit einer Zukunftstechnologie zu tun hat, es ging eigentlich nur um Standortfragen und die Akzeptanz dieser Technologie im eigenen näheren Bereich. Aber das war damit ausdiskutiert und kam erst wieder in den 70er Jahren als Diskussionspunkt aus Amerika herüber, die Infragestellung der Kernenergie als solche. Da hat die Diskussion bis in die Gegenwart angehalten, aber nicht in der Innovationsphase, das ist ganz wichtig festzuhalten. Bei der Mikroelektronik hat es gar keine großen öffentlichen Diskussionen gegeben, außer, wenn sie so die Frage des Überwachungsstaates und ähnliches nehmen. Aber das war dann auch relativ schnell vom Tisch und wurde auch nur von einzelnen Wissenschaftlern vertreten, und in der Bevölkerung in dieser Schärfe auch gar nicht reflektiert. Bei der Gentechnologie sind wir ja heute noch mitten in der Diskussion. Sie können ja fast in jeder Ausgabe der Zeitung die Stammzellenfrage nachverfolgen, ja oder nein. Hier sind wir noch in diesem Diskussionsprozess, der ist noch keineswegs abgeschlossen. Und bei der Nanotechnologie, das scheint mir völlig offen zu sein, bis wann so etwas voll akzeptiert ist und ob das ein für allemal sein wird, das kann man überhaupt noch nicht überschauen. Wenn sie bedenken, dass auf dem SPD-Parteitag von 1956 in der Sozialdemokratie unter Carlo Schmid und anderen noch die Kernkraft und die Automatisierung als die Zukunftsverheißungen der Menschheit, und insbesondere Deutschlands angepriesen worden sind, und das vergleichen mit der Position, die diese Partei heute zu solchen Technologien einnimmt, würden sie gar nicht glauben, dass die SPD um 1956 sich so für die Kernkraft ausgesprochen hat als Triebfeder für gesellschaftlichen Fortschritt und Wohlstand. Man kann also offensichtlich auch in politischen Einschätzungen bestimmte Technologien einfach überhöhen und überhöht darstellen, ohne die tatsächliche Wirkkraft dieser Technologien oder Innovationen letztendlich beurteilen zu können. Sie können voll vorbei greifen, in der Bewertung einer Technologie, wenn andere Technologien oder Nutzungsmöglichkeiten in Erscheinung treten.

Redaktion: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



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